Der „Foodsafe“-Irrtum: Warum Chemie nur die halbe Wahrheit ist

Der „Foodsafe“-Irrtum: Warum Chemie nur die halbe Wahrheit ist

"Foodsafe" steht auf der Glasur. Was das bedeutet – und was nicht.

Beide Begriffe klingen nach Sicherheit – und beide sind weniger aussagekräftig, als sie wirken.

Was „Foodsafe" tatsächlich bedeutet

In den meisten Fällen bedeutet „foodsafe" nur eines: Die Glasur enthält kein Blei und kein Cadmium. Das sind die Oxide, die in der Keramikgeschichte nachweislich Probleme verursacht haben und deshalb in den meisten Ländern streng reguliert oder verboten sind.

Andere potenziell bedenkliche Oxide fallen dabei durchs Raster. Barium, Selen oder Vanadium beispielsweise sind ebenfalls nicht unbedenklich – besonders bei schlechter Glasurqualität oder unvollständigem Brand. „Foodsafe" sagt über diese Stoffe meistens nichts aus.

Hinzu kommt: Es gibt keine globale Definition von „lebensmittelecht". Jedes Land setzt eigene Grenzwerte. Was in einem Markt legal deklariert werden darf, kann anderswo nicht zulässig sein. Viele dieser Regelungen basieren nicht auf aktueller Forschung, sondern auf historisch gewachsenen Grenzwerten, die über Jahrzehnte fortgeschrieben wurden.

Was man wirklich testet – und was nicht

Glasuren werden nicht getestet. Keramische Lebensmittelkontaktflächen schon.

Das ist keine Wortklauberei. Eine Glasur im Eimer kommt nicht mit Lebensmitteln in Berührung. Erst wenn diese Glasur auf einem Stück Geschirr oder einem Vorratsbehälter sitzt – gebrannt, abgekühlt, fertig – entsteht eine Lebensmittelkontaktfläche. Nur diese kann im Labor geprüft werden, und nur in diesem Kontext ergibt eine solche Prüfung überhaupt Sinn.

In der EU regelt die Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 den Bereich Lebensmittelkontaktmaterialien grundsätzlich. Für Keramik gilt zusätzlich die Richtlinie 84/500/EWG, zuletzt geändert durch die Richtlinie 2005/31/EG. Sie legt Migrationsgrenzwerte für Blei und Cadmium fest und verpflichtet Hersteller zur Konformitätserklärung. In Österreich wurde diese Richtlinie als Keramik-Verordnung (BGBl. Nr. 893/1993) umgesetzt – mit dem Unterschied, dass die österreichische Verordnung zusätzlich Grenzwerte für Antimon, Barium und Zink enthält. Eine umfassende Regulierung aller möglichen Oxide existiert auf EU-Ebene bislang nicht.

Wer uns fragt, ob unsere „Glasuren getestet wurden", meint meist: Ist euer Geschirr sicher? Das ist eine andere Frage. Die richtige.

Chemische Stabilität ist nur ein Teil der Antwort.

Selbst wenn eine Glasur chemisch stabil ist und keine bedenklichen Mengen an Oxiden abgibt – sie kann trotzdem ungeeignet sein.

Glasuren und Tonkörper dehnen sich beim Erhitzen aus und ziehen sich beim Abkühlen zusammen. Das Maß dieser Ausdehnung nennt sich WAK – Wärmeausdehnungskoeffizient. Stimmt der WAK von Glasur und Tonkörper nicht überein, entstehen Spannungen. Glasurfehler sind eine sichtbare Folge: Craquelé z.B., ein feines Rissnetz in der Glasuroberfläche.

Diese Risse können dekorativ sein. Sie sind aber ein hygienisches Problem. Bakterien und organische Rückstände setzen sich fest und lassen sich mit normalem Abwaschen nicht mehr entfernen. Ein Stück Geschirr mit Craquelé ist dauerhaft nicht hygienisch nutzbar – unabhängig davon, wie gut die Glasur chemisch abschneidet.

Für Geschirr geeignet bedeutet also: chemisch stabil, WAK-kompatibel, oberflächendicht nach dem Brand. Alle drei Bedingungen zusammen.

Das größte Risiko sitzt nicht am Esstisch.

Für den Konsumenten stellt eine fertig gebrannte Glasur ein vergleichsweise stabiles Material dar. Die Oxide sind chemisch in die Glasmatrix eingebunden. Migration findet statt, aber langsam und in kleinen Mengen – abhängig von Säuregehalt, Temperatur und Kontaktdauer.

Für den Keramiker sieht das anders aus. Wer Glasuren anmischt, arbeitet direkt mit den Rohstoffen in Pulverform. Die Aufnahme in den Körper kann dabei auf drei Wegen geschehen: durch Einatmen, durch Hautkontakt und durch versehentliche orale Aufnahme.

Ein Risiko ist Siliziumdioxid. Als Quarz ist es Hauptbestandteil fast aller Glasurrezepturen und gilt als humanes Lungenkarzinogen der Gruppe 1 – die höchste Risikostufe. Töpfer und Keramiker werden in der Fachliteratur explizit als Risikogruppe für Silikose geführt, eine chronische Lungenvernarbung, die nicht heilbar ist. Dazu kommen Metalloxide: Blei etwa führt beim direkten Umgang vor allem zu chronischer Vergiftung durch Hautresorption. In Pulverform ist die Exposition um ein Vielfaches höher als beim Konsumenten, der ein fertiges Stück Geschirr verwendet.

Wer Glasuren unter Berücksichtigung dieser Fakten entwickelt oder verarbeitet, braucht deshalb nicht nur Glasurverständnis, sondern auch ein Grundwissen über Arbeitssicherheit: geeignete Atemschutzmasken beim Abwiegen und Mischen, keine Lebensmittel im Studio, konsequentes Händewaschen. Die eigentliche Gefahr liegt nicht im Essen vom fertigen Teller – sondern im Staub auf der Werkbank.

Migration ist kein keramisches Sonderproblem.

Stoffe gehen aus Materialien in Lebensmittel über, Migration genannt. Das passiert nicht nur bei Keramik. Es passiert bei jedem Werkstoff, auch bei Kunststoff, Glas, Metall und Holz. Weichmacher aus Plastikdosen, Schwermetalle aus Legierungen, Tannine aus Holzschneidebrettern – Migration ist ein werkstoffübergreifendes Thema, kein spezifisches Problem der Töpferei. Keramik mit stabiler Glasur gehört zu den reaktionsärmsten Materialien im Küchenalltag. Gut gebrannte Steinzeugglasur ist chemisch ein Glas – eine dichte Silikatmatrix, in der Oxide fest eingebunden sind. Sie gibt unter normalen Bedingungen kaum Stoffe ab.

Kein Grund zur Panik

Keramik wird seit Jahrtausenden als Geschirr verwendet. Weltweit, täglich, in riesigen Mengen. Dokumentierte Erkrankungen durch Keramikgeschirr sind – abgesehen von historischen Fällen mit bleihaltigen Glasuren – nicht bekannt. Wären moderne Glasuren akut gefährlich, wäre damit zu rechnen, dass regelmäßig Fälle bekannt würden. Das ist nicht der Fall.

Vorsicht ist trotzdem angebracht – aber als Haltung, nicht als Angst. Wer Geschirr herstellt und verkauft, trägt Verantwortung. Ein grundlegendes Verständnis von Glasurchemie, WAK-Kompatibilität und Brennatmosphäre ist keine Option, sondern Voraussetzung. Wer nicht weiß, was in seiner Glasur steckt und wie sie sich verhält, sollte kein Geschirr in Umlauf bringen.

Das gilt auch für den Einkauf fertiger Glasuren: „Foodsafe" auf dem Etikett ersetzt kein eigenes Verständnis. Es ist ein Hinweis, kein Freifahrtschein.

Expertise & Werkstattpraxis

Dieser Fachbeitrag basiert auf der langjährigen Werkstattpraxis im Tonraum.studio. Unsere Erkenntnisse zu Glasursicherheit und Materialstabilität resultieren aus der Verknüpfung internationaler Fachliteratur mit der täglichen Anwendung und systematischen Versuchsreihen in unserem Studio in Hallein.