Keine Chance für Nadelstiche: Die 2-Stufen-Strategie für makellose Glasuren

Keramikglasur mit Nadelstichen - Detailaufnahme von Glasurfehlern auf Keramik

Es ist einer der frustrierendsten Momente im Keramik-Alltag: Man öffnet voller Erwartung den Ofen, doch statt glatter, glänzender Oberflächen finden sich überall winzige, kraterartige Löcher. Nadelstiche (Pinholes) können ein Werkstück ruinieren, doch sie sind kein Zufallsprodukt. Sie sind ein physikalisches Signal, dass Gase nicht rechtzeitig entweichen konnten. Mit einer strategischen Zwei-Stufen-Lösung lässt sich dieses Problem jedoch dauerhaft in den Griff bekommen.

1. Stufe: Der optimierte Schrühbrand

Der Kampf gegen Nadelstiche beginnt bereits vor dem eigentlichen Glasurbrand. Ein weit verbreiteter Fehler ist ein zu schneller oder zu kalter Schrühbrand. Wenn organische Verunreinigungen, Kohlenstoff oder Schwefel im Ton nicht vollständig verbrennen können, suchen sie sich ihren Weg nach draußen, sobald die Glasur im nächsten Brand bereits schmilzt und die Oberfläche versiegelt.

Die "Hot & Slow"-Strategie

Um eine saubere Basis zu schaffen, sollte der Schrühbrand heißer und wesentlich langsamer durchgeführt werden:

  • Höhere Endtemperatur: Brenne den Schrühbrand bis Kegel 04 (ca. 1060 °C). Dies stellt sicher, dass chemische Reaktionen im Tonkörper weitgehend abgeschlossen sind.
  • Das kritische Zeitfenster: Im Bereich zwischen 600 °C und 980 °C (1100 °F – 1800 °F) sollte die Aufheizrate drastisch reduziert werden (ca. 30 °C – 60 °C pro Stunde). Dies gibt den Gasen die nötige Zeit, vollständig zu oxidieren.
  • Effektive Sauerstoffzufuhr: Ohne ausreichenden Sauerstoff können Gase nicht verbrennen. Ein Ofenventilator sorgt hier für den nötigen Luftaustausch und transportiert schädliche Gase ab.

2. Stufe: „Drop and Hold“ beim Glattbrand

Selbst bei einem perfekten Schrühbrand können im Glattbrand neue Gase entstehen. Wenn der Ofen nach Erreichen der Spitzentemperatur sofort abschaltet, haben diese Gase keine Chance, die entstandenen Krater in der erstarrenden Glasur wieder zu schließen.

Temperatursteuerung nach der Spitze

Das „Drop and Hold“-Verfahren ist hier die effektivste Lösung: Sobald die Spitzentemperatur erreicht ist, senkst du die Temperatur gezielt um ca. 50 °C (100 °F) ab. Diese neue Temperatur hältst du für 30 bis 60 Minuten konstant.

Warum das funktioniert: Durch das Absinken der Temperatur wird die Glasur viskoser, bleibt aber flüssig genug, damit Gasblasen entweichen und Löcher „heilen“ können. Die Haltezeit gibt der Oberfläche die nötige Ruhe, sich zu glätten, ohne dass die Glasur aufgrund zu hoher Hitze anfängt abzulaufen.

Ursachenforschung: Ton und Glasur

Wenn die Anpassung der Brennkurven allein nicht ausreicht, liegt das Problem oft in der Chemie der verwendeten Materialien begründet.

Faktoren im Tonkörper

  • Unreinheiten: Natürliche Tone enthalten oft Schwefel oder Kohlenstoff. Besonders dunkle Tone oder Massen mit Schamotte-Anteilen neigen verstärkt zum Ausgasen.
  • Materialschwankungen: Da Ton ein Naturprodukt ist, kann sich die Zusammensetzung einer Marke über Jahre hinweg ändern, wenn neue Flöze im Bergwerk erschlossen werden.

Eigenschaften der Glasur

  • Oberflächenspannung: Glasuren mit hoher Oberflächenspannung (verursacht durch Oxide wie Tonerde, Zirkonium oder Zink) lassen Nadelstiche deutlich schlechter ausheilen.
  • Glasurdicke: Eine zu dünne Schicht hat oft nicht genug Masse, um ein Loch wieder zu füllen, während eine zu dicke Schicht Gase regelrecht einschließen kann.
  • Frühes Schmelzen: Glasuren, die durch Bor-Fritten sehr früh ausschmelzen, versiegeln den Ton, bevor dieser fertig ausgegast hat.

Diagnose und Tipps für die Praxis

Um festzustellen, ob die Ursache beim Ton oder bei der Glasur liegt, empfiehlt sich ein Kreuztest:

"Teste die gleiche Glasur auf verschiedenen Tonkörpern – zum Beispiel auf einem glatten Porzellan im Vergleich zu deinem Steinzeug. Erscheinen die Nadelstiche nur auf dem Steinzeug, liegt die Ursache höchstwahrscheinlich im Tonkörper."

Ein mechanischer Trick kann ebenfalls helfen: Das glatte Polieren der Oberfläche im lederharten Zustand oder das Auftragen einer feinen Terra Sigillata unter der Glasur blockiert den Gasdurchgang aus dem Ton und sorgt für ein ruhigeres Schmelzbild.

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